
Stefanie Jarantowski · Rezension vom 07.08.2026
Marlene Buchholz ist eine knallharte Managerin mit besten Aussichten auf den CEO-Posten. Zwar stimmen bei ihr die Umsatzzahlen durchweg, aber das Menschliche bleibt völlig auf der Strecke: Es mangelt ihr gewaltig an sozialer Kompetenz und Empathie. Um das zu ändern, wird sie kurzerhand zu einem Achtsamkeitstraining in ein Schloss nach Brandenburg geschickt. Dort trifft sie auf den Achtsamkeits-Guru Alex Grow. Der berühmte Seelenflüsterer steckt gerade selbst in einer handfesten Krise. So heißt es im Buch sehr treffend: „Freudenfresser Nummer eins war die Gewöhnung, die jeden Erfolg in atemberaubendem Tempo zur Normalität werden ließ (…). Freudenfresser Nummer zwei war die Angst, das gerade Erreichte wieder zu verlieren (…)."
Was sich anfangs wie eine pointierte Satire über spirituelle Praktiken liest, entpuppt sich im Verlauf als wunderbare Geschichte über lebensverändernde Erfahrungen. Es beginnt rasant damit, dass sich Marlene im Wald verirrt und, im wahrsten Sinne des Wortes nackt, auf ein sterbendes Wildschwein trifft. Dann passiert eine ganze Menge mehr – unter anderem wird sie von Dackel Bruno gefunden (der zu meinem großen Bedauern leider keine weitere Rolle in der Geschichte spielt). Durch diese skurrilen Wendungen bricht Marlenes harte Fassade auf und sie kommt wieder mit tiefen Kindheitsgefühlen und -erlebnissen in Berührung: „Marlene hatte plötzlich große Lust, sich eine Kiste mit Glasaugen zu bestellen, das Spiel von damals wieder aufzunehmen." Sie spürt endlich wieder „Neugier, Sehnsucht, Lust auf Dummheiten (…)".
Überhaupt spielt das Thema Kindheit und Kindsein eine enorm wichtige Rolle dabei herauszufinden, wer wir eigentlich sind und was wir wirklich wollen. Und ist das nicht die wichtigste Frage für jeden von uns? Auch der Guru des Romans kommt am Ende um diese essenzielle Selbsterforschung nicht herum: „Also, Alex Grow, worum geht es dir? Was willst du?"
Erschienen ist der Roman bei Kiepenheuer & Witsch.
Stefanie Jarantowski schreibt selbst Bücher und spricht noch lieber darüber. Von ihrem Schreibtisch in Stralsund aus schreibt sie in „Steffis Literaturcafé" über große Romane, feine Erzählungen und alles dazwischen. Ihr Anspruch: Begeisterung wecken und Literatur lebendig machen. Als Moderatorin führt sie durch Autorenlesungen und Buchpremieren – zuletzt für Kiepenheuer & Witsch und DuMont.