
Stefanie Jarantowski · Rezension vom 01.08.2023
Im biografischen Roman “Die Postkarte” begibt sich die französische Autorin Anne Berest auf Spurensuche nach ihren jüdischen Vorfahren. Auslöser für Annes Nachforschungen sind eine anonyme Postkarte, auf der die vier Vornamen der 1942 in Auschwitz ermordeten Familienmitglieder stehen, sowie ein antisemitisches Erlebnis ihrer 6-jährigen Tochter. Um dem aktuellen Vorfall auszuweichen, stürzt sich Anne in die Suche nach dem Absender der Postkarte und begibt sich zusammen mit ihrer Mutter in die Vergangenheit. Erzählt wird auf zwei Zeitebenen: die Zeit der Flucht ab Anfang 20. Jahrhundert und die Jetzt-Zeit, in der Anne und ihre Mutter wie zwei Detektivinnen unterwegs sind. Anne Berest gelingt es ganz wunderbar Vergangenheit und Gegenwart ineinander zu weben und durch unterschiedliche Formen wie z.B. Briefe und Emails zu strukturieren sowie viele Charaktere unterzubekommen. Mich hat Anne Berests Familiengeschichte tief bewegt. Sie hat mich sprachlos, aber auch staunend gemacht und sehr berührt. Es ist eine Geschichte, die aufgeschrieben werden musste und angesichts des immer noch aktuellen Antisemitismus und Fremdenhasses in Europa und der Welt nicht oft genug erzählt werden kann. Danke Anne Berest, dass du die Geschichte deiner Großmutter Myriam erzählst, die für sie selbst unaussprechbar geworden war. Und danke an Simone Kabst, die dieses Hörbuch ganz wunderbar einfühlsam liest. Mit der großen Bandbreite von der 6-Jährigen Tochter bis zur Großmutter hat sie mich tief in die Geschichte hineingezogen. Ich habe der Stimme sehr gerne zugehört und kann dieses Hörbuch nur jeder und jedem empfehlen.
Danke an den Hörbuchverlag Hörbuch Hamburg für das Rezensionsexemplar.
Stefanie Jarantowski schreibt selbst Bücher und spricht noch lieber darüber. Von ihrem Schreibtisch in Stralsund aus schreibt sie in „Steffis Literaturcafé" über große Romane, feine Erzählungen und alles dazwischen. Ihr Anspruch: Begeisterung wecken und Literatur lebendig machen.