
Stefanie Jarantowski · Rezension vom 15.09.2023
Mit dem Roman “Machandel” ist Regina Scheer 2014 ein meisterhaftes Debüt gelungen. Wie in Zeitzeugenberichten blicken fünf Ich-Erzähler*innen zurück auf ihre Geschichte, die vom Zweiten Weltkrieg bis zur Wende und darüber hinaus reicht, und eng verwoben ist mit dem Mecklenburgischen Dorf Machandel.
Als die Haupterzählerin Clara auf das nach dem Machandelbaum (= Wacholderbaum) benannte Dorf trifft, startet mit ihrer Dissertation über das plattdeutsche Märchen vom Machandelboom der mystische Teil des Romans.
Min Moder, de mi slacht, / min Vader, de mi att, / min Swester, de Marleenken, / söcht alle mine Beenken, / bind’t se in een syden Dook, / legts ünner den Machandelboom. / Kywitt, kywitt, wat vör’n schöön Vagel bün ik!
Ebenso wie die Schwester im Märchen die Knochen des ermordeten Bruders einsammelt und seiner gedenkt, gräbt Clara die Erinnerungen an die im Dorf verschwundene Marlene aus. Dabei ist Marlene nicht das einzige Schicksal, das im Buch verhandelt wird. Auf kluge Weise verarbeitet Regina Scheer geschichtliche Themen wie die Ermordung psychisch Kranker im Dritten Reich, den Umgang mit Ostarbeitern, und nicht zuletzt behandelt sie das perfide System der Stasi.
Nicht nur inhaltlich, auch stilistisch ist das Buch eine große Kreation. So greift das letzte Kapitel das erste auf. Der Abschied wird zum Aufbruch. Und das Ende wirkt wie eine Versöhnung mit der Geschichte oder mit dem Leben oder dem, was jetzt ist.
Ich bin persönlich sehr angetan von dem Buch, was auch damit zusammenhängen mag, dass der Teil der DDR-Geschichte auch ein Teil meiner Geschichte ist und mir die Orte des Romans sehr vertraut sind. Denn neben Mecklenburg sind das Straßen und Plätze in Berlin Pankow und Prenzlauer Berg. Deshalb gilt meine Empfehlung auch allen Menschen, die in Prenzlauer Berg oder in der Stargarder Straße, an der Gethsemanekirche oder Bornholmer Straße und Böse Brücke wohnen - ihr müsst das Buch lesen. Und wenn ihr nicht dort lebt, lest das Buch trotzdem.
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Stefanie Jarantowski schreibt selbst Bücher und spricht noch lieber darüber. Von ihrem Schreibtisch in Stralsund aus schreibt sie in „Steffis Literaturcafé" über große Romane, feine Erzählungen und alles dazwischen. Ihr Anspruch: Begeisterung wecken und Literatur lebendig machen.