
Stefanie Jarantowski · Rezension vom 06.02.2026
Um es gleich vorwegzunehmen: WOW. Dieser Roman ist körperlich. Er hat mich emotional voll mitgenommen und eine solche Sogwirkung entfaltet, dass ich das Buch kaum weglegen konnte. Katharina Köllers Wild Wuchern ist kein sanftes Buch, es ist ein Buch mit einer echten Wucht.
Die Geschichte beginnt fast wie ein Krimi, atemlos und mysteriös. Wir begleiten die Ich-Erzählerin Marie, die in einer wahren Nacht-und-Nebel-Aktion aus Wien flieht. Es ist sofort spürbar, dass etwas Schlimmes vorgefallen sein muss - ein Vorfall, der ihr keine Wahl mehr ließ und sie aus ihrer toxischen Ehe katapultiert hat.
„Spüren tu ich gar nichts, und ob ich blute oder nicht, ist mir auch wurscht. Ganz sicher blut ich jedenfalls am Kopf unter dem Stirnband.”
Anstatt wie sonst die vertraute Route nach Italien ans Meer zu nehmen, entscheidet sie sich impulsiv gegen den Süden und für die raue Abgeschiedenheit Tirols - wohl auch, weil man sie am Meer zuerst suchen würde. Es ist ein reiner Verzweiflungsakt: Sie sucht Zuflucht bei ihrer Cousine Johanna auf einer alten Almhütte, obwohl der Kontakt zur Familie seit Jahren komplett abgebrochen ist. Marie bricht ins Blaue auf, ohne überhaupt zu wissen, ob Johanna dort oben noch lebt.
Dort angekommen, entfaltet sich ein intensives Kammerspiel, ein Kräftemessen zwischen den beiden. Denn Marie wird nicht mit offenen Armen empfangen; Johanna will sie eigentlich nicht da haben. Zwar sind ihr die zwei zusätzlichen Hände für die harte Arbeit auf der Alm zunächst willkommen, doch schnell drängt sie darauf, dass Marie wieder geht.
Der Grund dafür ist so eigenwillig wie berührend: Johanna pflegt intensive Beziehungen zu den wilden Tieren um sie herum. Doch seit Marie da ist, trauen sich viele Tiere - wie der Kauz - nicht mehr her. Maries Anwesenheit stört die feine Verbindung zur Natur, was in dem bezeichnenden, fast paradoxen Satz Johannas gipfelt:
„Seit du da bist, bin ich einsam.“
Erzählt wird das Ganze konsequent als Bewusstseinsstrom aus Maries Perspektive. Das macht den Text unglaublich unmittelbar. Nichts wird brav “auserzählt” oder künstlich erklärt; stattdessen ist man direkt im Kopf der Protagonistin, in ihren Ängsten und Beobachtungen gefangen. Dieser Stil erzeugt eine enorme Dichte und lässt einen die Zerrissenheit Maries hautnah spüren.
Im Zentrum stehen die beiden Frauen, die als Töchter von Zwillingsschwestern quasi selbst wie Geschwister aufgewachsen sind, sich aber in völlig gegensätzliche Richtungen entwickelt haben. Da ist zum einen Marie, die aus ihrem “goldenen Käfig” ausbricht. Jahrelang war sie die Angepasste, die “Goldmarie”, die stets alle Erwartungen erfüllen wollte – bis hin zur totalen Selbstaufgabe. Ihr gegenüber steht Johanna, die einen schweren Start ins Leben hatte. Sie wirkt anfangs schroff und führt ein sehr hartes, körperliches Leben auf der Alm, zeigt sich aber im Umgang mit ihren Tieren als zutiefst empathisch.
Der Roman lässt sich nicht nur als Familiengeschichte lesen, sondern funktioniert auch als Parabel. Das titelgebende “Wildwerden” oder “Wuchern” wird zur zentralen Metapher für Selbstbefreiung. Marie bringt es in einem Schlüsselsatz des Buches auf den Punkt:
„Ich war dort, wo man mich hingepflanzt hat, wie ein Ziergewächs in einem Topf. Jetzt bin ich hier und wuchere.“
Diese Erkenntnis ist der Kern des Buches: Das “Wuchern” steht hier nicht für Zerstörung, sondern für das Sprengen von künstlichen Grenzen – dem sprichwortlichen Blumentopf –, um endlich den eigenen Raum einzunehmen.
Am stärksten ist das Buch dort, wo die Mauern zwischen den Frauen fallen. Beide machen im Laufe der Geschichte eine enorme Wandlung durch. Gegen Ende erzählen sie sich gegenseitig ihre tiefsten Geheimnisse – Dinge, über die sie nie gesprochen haben. Dieser Moment, in dem sie sich endlich die Wahrheit sagen, wirkt unglaublich befreiend für beide. Es ist der Schritt, der die Wunden aus der Kindheit und die Härte des Erwachsenenlebens aufbricht.
Stefanie Jarantowski schreibt selbst Bücher und spricht noch lieber darüber. Von ihrem Schreibtisch in Stralsund aus schreibt sie in „Steffis Literaturcafé" über große Romane, feine Erzählungen und alles dazwischen. Ihr Anspruch: Begeisterung wecken und Literatur lebendig machen.