Berührendes Porträt
Buch Rezension & Kritik
„Zwei Menschen sind in mir“ Andrea Stoll

„Zwei Menschen sind in mir“

· Rezension vom 24.06.2026

Ein tief berührender Blick auf eine radikal poetische Seele – Andrea Stolls Bachmann-Biografie zum 100. Geburtstag der Dichterin

Pünktlich zum 100. Geburtstag von Ingeborg Bachmann hat die ausgewiesene Bachmann-Forscherin Andrea Stoll eine Biografie vorgelegt, die den Kern dieser Ausnahme-Autorin auf wunderbare Weise einfängt. Das Besondere: Stoll konnte sich auf die neu edierten Tagebücher und Briefwechsel der Salzburger Werkausgabe stützen – jüngst freigegebene Dokumente, die überraschend neue Verbindungslinien zutage fördern. Zum ersten Mal lassen sich so Legende und Wirklichkeit sauber trennen. Und das Bild, das entsteht, ist ungleich reicher als die vertrauten Etiketten: Stoll räumt auf mit der ätherischen Lyrikerin, der romantischen Geliebten Celans, dem Opfer Max Frischs – und stellt an ihre Stelle eine widersprüchliche, durchsetzungsstarke, kompromisslose Frau, die sich ihr Leben unter härtesten Bedingungen erschrieben hat.

Der doppelte Mensch und der doppelte Vater

Der Titel „Zwei Menschen sind in mir" ist dabei Programm und ein Zitat Bachmanns selbst. Er beleuchtet die existenzielle Zerrissenheit einer Frau, die einerseits als öffentliche, belesene Intellektuelle und rastlose Kosmopolitin lebte – mit Stationen in Wien, ihrer Herzensstadt Rom, in Zürich, Berlin und New York u.a. –, und andererseits eine hochsensible, oft schutzlose Künstlerin war, die die absolute Einsamkeit für ihre Arbeit zwingend brauchte. Doch Stoll zeigt: Dieser Riss reicht noch tiefer. Er beginnt schon beim „doppelten Vater" – dem zärtlichen Bildungsbürger, der ihr italienische Vokabeln beibringt, und dem frühen, heimlichen NSDAP-Parteigänger – und er zieht sich durch ihr ganzes Werk.

„Es hat einen bestimmten Moment gegeben, der hat meine Kindheit zertrümmert."

So hat Bachmann über den Einmarsch der Wehrmacht 1938 gesagt. Aus dieser Erschütterung erwächst das Schreiben als Fluchtraum.

Die Frau hinter dem Mythos

Ich bin mit diesem Buch tief in das Leben und Werk Ingeborg Bachmanns eingetaucht. Die Biografie hat mir nicht nur die Frau hinter dem Mythos, sondern auch ihr komplexes Werk „Malina" nähergebracht. Man entwickelt beim Lesen ein immenses Verständnis für diese poetische Seele, die die Freiheit so sehr zum Atmen brauchte und letztlich doch an ihren inneren Einsamkeiten und den zutiefst aufreibenden Liebesbeziehungen – zu Paul Celan, dessen Begegnung Stoll als folgenreichste ihres Lebens beschreibt, und zu Max Frisch – zugrunde ging.

Andrea Stoll zeigt feinfühlig die tiefen Brüche und Wunden in Bachmanns Leben auf, die sie schonungslos literarisch verarbeitete. Dabei wird auch klar, welch absolute Pionierrolle Bachmann in der männerdominierten Nachkriegszeit einnahm: 1956 als „Fräuleinwunder" gefeiert und in ihrer historisch-politischen Tiefe doch lange überhört, brach sie radikal aus klassischen Rollenbildern aus und suchte im literarischen Erfolg oft nach dem existenziellen Glück. Ihr Leben aber war bedingungslos das Schreiben:

„(…) ich existiere nur, wenn ich schreibe, ich bin nichts, wenn ich nicht schreibe, ich bin mir selbst vollkommen fremd, aus mir herausgefallen, wenn ich nicht schreibe."

Eine Sprache, der Dichterin würdig

Besonders stark ist das Buch in seiner Komposition. Die Vielzahl der klug ausgewählten Zitate aus Reden, Briefen, Prosa-Werken und Gedichten macht die Musikalität von Bachmanns Sprache fast greifbar – Stoll erzählt in einer Sprache, die der Dichterin würdig ist. So erleben wir hautnah ihre Verbindungen zu Zeitgenossen wie etwa Hans Werner Henze und Heinrich Böll, ihre tiefen Freundschaften mit Kolleginnen – unter anderem Ilse Aichinger und Marie Luise Kaschnitz –, aber auch ihre schmerzhaften Trennungen und lebenslangen Kämpfe. Immer wieder spürt man jene Spannung, die sie einmal so beschrieb:

„Es ist eine seltsame, absonderliche Art zu existieren, asozial, einsam, verdammt, es ist etwas verdammt daran, und nur das Veröffentlichte, die Bücher, werden sozial, assoziierbar, finden den Weg zu einem Du, mit der verzweifelt gesuchten und manchmal gewonnenen Wirklichkeit."

Vielen Dank an NetGalley und den Piper Verlag für das eBook-Leseexemplar.

Fazit: Eine unbedingte Leseempfehlung. Andrea Stoll reiht nicht einfach Fakten aneinander, sondern macht das rastlose Herz und die brillante sprachliche Kraft einer der wichtigsten deutschsprachigen Dichterinnen spürbar. Ihre besondere Stärke ist, dass sie Leben und Werk nicht gegeneinander ausspielt, sondern als zwei aufeinander angewiesene Aspekte zeigt – und das Urteil den Leserinnen und Lesern überlässt. Ganz nebenbei ist dabei ein Buch entstanden, das selbst ein Stück Literatur geworden ist.

Über die Rezensentin

Stefanie Jarantowski schreibt selbst Bücher und spricht noch lieber darüber. Von ihrem Schreibtisch in Stralsund aus schreibt sie in „Steffis Literaturcafé" über große Romane, feine Erzählungen und alles dazwischen. Ihr Anspruch: Begeisterung wecken und Literatur lebendig machen.

Rezension - besprochenes Buch

Titel: „Zwei Menschen sind in mir“
Biographie
Empfehlung
480 Seiten
Verlag: Piper
Erscheinungsjahr:
ISBN: 9783492072755
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