
Stefanie Jarantowski · Rezension vom 02.12.2024
Wie die drei Frauen auf dem Cover des Buches Und ich – den Blick in die Ferne bzw. nach innen richten, so halten die Autorinnen dieser Anthologie inne, um von Umbrüchen und Leerstellen des Lebens zu erzählen. Dazu aufgefordert hat sie die Herausgeberin Maria-Christina Piwowarski, die selbst die 20. Geschichte beisteuert, und hier ganz in ihrem Element als Literaturvermittlerin aufgeht.
Denn die Wende-Erzählungen der 19 angefragten Autorinnen, die von Krankheit, Flucht und Ausbruch, von Verlusten und Traumata handeln, erscheinen nicht einfach in klassischen Essays. Nein. Von skurriler Kurzgeschichte, über Brief und Lyrik, bis zu autobiografischer Erzählung und autofiktionalem Bericht vereint die Anthologie Und ich – die unterschiedlichsten literarischen Formen.
Jarka Kubsova erzählt z.B. in Das Erbe vom vererbten antisozialistischen Eintrag, der 1986 zur Flucht der Familie aus Tschechien geführt hat. Mareike Fallwickl schreibt von Hausfrauen, Gartenfrauen und Ehefrauen, die ihre Leben tauschen, um Abwechslung und Spaß zu bekommen, wobei ihre Männer immer kleiner werden, schrumpfen. Daria Kinga Majewski setzt die Geschichte einer trans Frau in Bezug zur Geschichte Maria Magdalenas. Und Isabel Bogdan schreibt von einem in der Zukunft liegenden Wendepunkt, wenn sie einen Brief an sich selbst schreibt, den sie in 19 Jahren, zu ihrem 75. Geburtstag, öffnen soll.
Damit sind lediglich vier der 20 Autorinnen genannt, deren literarische Antworten auf Marias Anliegen mich berührt, erstaunt, erschrocken und nachdenklich gemacht haben. Ich konnte schmunzeln und musste so manches Mal die Luft anhalten. In jedem Fall bin ich Maria sehr dankbar für das Sammeln dieser Geschichten. Mögen sie vielen Frauen Mut machen, Beistand geben und zeigen, dass es keine Lebensläufe ohne Brüche gibt. Und am Ende sind es die Brüche, die Risse, durch die das Licht herein kommt, wie Leonard Cohen es in seinem Anthem Song so wunderbar besingt.
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Vielen Dank an den Park x Ullstein Verlag für das Rezensionsexemplar.
Stefanie Jarantowski schreibt selbst Bücher und spricht noch lieber darüber. Von ihrem Schreibtisch in Stralsund aus schreibt sie in „Steffis Literaturcafé" über große Romane, feine Erzählungen und alles dazwischen. Ihr Anspruch: Begeisterung wecken und Literatur lebendig machen.